Warum der Fall der Islamischen Republik zum Wirtschaftswachstum in Europa und dem Westen beitragen könnte
Inhaltsverzeichnis
- Energie – die wichtigste Variable
- Der Iran – Europas vergessener Markt
- Die Straße von Hormus – ein Nadelöhr der europäischen Wirtschaft
- Die Kosten der Isolation des Iran
- I. Phase vor dem Übergang (Pre-Transition)
- 1. Strategische Ausrichtung der Europäischen Union
- 2. Institutionelle und rechtliche Vorbereitung
- 3. Begrenzte und kontrollierte wirtschaftspolitische Instrumente
- 4. Diplomatie und institutioneller Einfluss
- II. Phase: Erstes Jahr nach dem Regimewechsel (Post-Transition Year +1)
- 1. Strategische Priorität: Stabilisierung der Übergangsstrukturen
- 2. Wirtschaftliches Stabilisierungspaket (Stabilization Package)
- 3. Neugestaltung des Finanz- und Investitionssystems
- Über den Iran hinaus
Auf den ersten Blick wird die Diskussion über die Zukunft des Iran meist im Zusammenhang mit Sicherheit, Außenpolitik oder Menschenrechten geführt. Eine Studie von Ökonomen des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (WIFO), des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) und der Drexel University zeigt jedoch, dass ein politischer Wandel im Iran zu einer der wichtigsten wirtschaftlichen Chancen für Europa im kommenden Jahrzehnt werden könnte.
Die Studie versucht, die wirtschaftlichen Folgen einer Rückkehr Irans in die Weltwirtschaft zu modellieren. Die Ergebnisse sind bemerkenswert: Nach den vorgelegten Schätzungen könnte allein die Aufhebung der europäischen Sanktionen das Bruttoinlandsprodukt (BIP) des Iran langfristig um mehr als 80% erhöhen. Gleichzeitig würde das BIP Deutschlands und der Europäischen Union um etwa 0,3 bis 0,4% wachsen. Für Deutschland entspräche dies zusätzlichen jährlichen Einnahmen von nahezu 13 Milliarden Euro, für die Europäische Union entspräche dies einem jährlichen Mehrwert von über 54 Milliarden Euro.1
Dies stellt jedoch lediglich das Mindestszenario dar.
Die Ökonomen der Studie untersuchten auch ambitioniertere Szenarien. Falls der Iran neben der Aufhebung der Sanktionen umfassende institutionelle und wirtschaftliche Reformen umsetzt und seine Produktivität auf das Niveau von Ländern wie der Türkei oder Südkorea anhebt, könnte das Bruttoinlandsprodukt des Landes um 240 bis 390% steigen. In einem solchen Szenario würde das BIP Deutschlands um 0,49 bis 0,61% und das BIP der Europäischen Union um 0,53 bis 0,70% wachsen. Für eine Volkswirtschaft von der Größenordnung der Europäischen Union entspricht dies einem zusätzlichen jährlichen Mehrwert in der Größenordnung von mehreren Dutzend Milliarden Euro.2
Energie – die wichtigste Variable
Die europäische Wirtschaft ist nach wie vor in hohem Maße von der Stabilität der Energiemärkte abhängig. Der Krieg in der Ukraine hat gezeigt, wie Energieschocks das Wirtschaftswachstum Europas beeinträchtigen können. Auch die Spannungen im Zusammenhang mit dem Iran haben in den vergangenen Jahren ähnliche Auswirkungen auf die globalen Energiemärkte gehabt.
Der Internationale Währungsfonds senkte im Jahr 2026 seine Wachstumsprognose für Deutschland aufgrund gestiegener Öl- und Gaspreise infolge regionaler Spannungen im Zusammenhang mit dem Iran. Nach diesen Schätzungen fiel das Wachstum der deutschen Wirtschaft im Vergleich zu früheren Prognosen um 0,3 Prozentpunkte niedriger aus, während gleichzeitig der Inflationsdruck zunahm.
Laut der Studie könnte eine Rückkehr des Iran auf den globalen Energiemarkt das Angebot an Öl und Gas erhöhen, die Preise senken und die Preisschwankungen auf den Energiemärkten dämpfen. Die unmittelbaren Folgen für Europa wären ein geringerer Inflationsdruck, eine verbesserte Wettbewerbsfähigkeit der Industrie sowie eine höhere wirtschaftliche Stabilität.3
Der Iran – Europas vergessener Markt
Der Iran ist nicht nur ein Energieexporteur. Mit mehr als 90 Millionen Einwohnern galt das Land vor der Revolution von 1979 als einer der wichtigsten Absatzmärkte für westliche Industriegüter im Nahen Osten.
Laut dem WIFO-Bericht könnte die Rückkehr des Iran in die Weltwirtschaft zu einem Anstieg des bilateralen Handels zwischen dem Iran und Europa um Dutzende bis Hunderte Milliarden US-Dollar pro Jahr führen. Zu den ersten Begünstigten einer solchen Entwicklung würden deutsche Unternehmen in den Bereichen Maschinenbau, Industrieausrüstung, Automobilindustrie, Chemie, Technologie und Infrastruktur gehören.
Für eine Volkswirtschaft wie Deutschland, deren Wachstum in erheblichem Maße auf industriellen Exporten beruht, könnte der Zugang zu einem großen, jungen und weitgehend unerschlossenen Markt von strategischer Bedeutung sein.
Die Straße von Hormus – ein Nadelöhr der europäischen Wirtschaft
Einer der wichtigsten Aspekte für Europa ist die Energiesicherheit.
Eine Studie des ifo Instituts zeigt, dass rund 6,2 Prozent der Rohölimporte der Europäischen Union und 8,7 Prozent der europäischen Flüssigerdgasimporte (LNG) über die Straße von Hormus transportiert werden. Jede Instabilität in dieser Region kann zu einem starken Anstieg der Energiepreise sowie zu Störungen der Lieferketten führen.
Aus dieser Perspektive ist ein stabiler, in die Weltwirtschaft integrierter Iran nicht nur eine wirtschaftliche Chance, sondern auch ein geopolitischer Faktor für die Energiesicherheit Europas.
Die Kosten der Isolation des Iran
Wissenschaftliche Studien zeigen, dass die jahrzehntelange Konfrontation der Islamischen Republik mit dem Westen zu einem Rückgang ausländischer Investitionen, einer Schwächung des Handels, geringerem Wirtschaftswachstum und einer Erosion wirtschaftlicher Institutionen geführt hat.
Einige internationale Untersuchungen deuten darauf hin, dass die iranische Wirtschaft in den vergangenen zwei Jahrzehnten enorme kumulierte Verluste erlitten hat. Das Ausmaß dieser wirtschaftlichen Schäden wird in einzelnen Studien mit den Folgen verglichen, die Bürgerkriege für die Volkswirtschaften betroffener Länder verursachen – obwohl sich diese Entwicklung im Iran ohne einen großangelegten Bürgerkrieg vollzogen hat.
Diese Situation verdeutlicht, dass ein erheblicher Teil des wirtschaftlichen Potenzials des Iran derzeit ungenutzt bleibt und bei veränderten politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen wieder erschlossen werden könnte.
Politischer Handlungsrahmen der Europäischen Union für den Iran
Vor dem politischen Übergang und im ersten Jahr nach einem Regimewechsel
I. Phase vor dem Übergang (Pre-Transition)
In dieser Phase steht der Iran weiterhin unter der Herrschaft des bestehenden Regimes. Gleichzeitig rückt die Möglichkeit eines politischen Übergangs zunehmend in die strategischen Kalkulationen Europas vor. Unter diesen Umständen sollte die Politik der Europäischen Union von einer reinen Krisenbewältigung hin zu einer gezielten Vorbereitung auf einen möglichen Übergang übergehen.
1. Strategische Ausrichtung der Europäischen Union
In dieser Phase könnte die Europäische Union einen Ansatz der „aktiven Vorbereitung“ (Active Anticipation) verfolgen. Dieser Ansatz umfasst:
- die Entwicklung einer einheitlichen europäischen Strategie für das Übergangsszenario im Iran;
- die Definition der zentralen europäischen Interessen in den Bereichen Energie, Migration, Sicherheit und Handel;
- die Ausarbeitung eines Fahrplans für die schrittweise Integration des Iran in die internationale Gemeinschaft auf einen Zeitraum von zehn bis fünfzehn Jahren, sofern ein politischer Übergang erfolgreich vollzogen wird.
2. Institutionelle und rechtliche Vorbereitung
Die Europäische Union sollte bereits jetzt die institutionellen und rechtlichen Voraussetzungen für ein mögliches Übergangsszenario schaffen. Ziel ist es, im Falle eines politischen Wandels rasch und koordiniert sowie auf Basis vorab definierter Regeln handeln zu können, anstatt lediglich punktuell und reaktiv zu handeln.
Diese Vorbereitung könnte auf drei zentralen Säulen beruhen:
- Einrichtung einer ständigen Spezialeinheit auf Ebene der Europäischen Union unter dem Namen „Iran Transition Task Force“, die mit der Beobachtung politischer Entwicklungen, der Koordination europäischer Maßnahmen sowie der Erarbeitung operativer Szenarien beauftragt ist;
- Festlegung klarer Kriterien für eine zukünftige Zusammenarbeit und schrittweisen Integration, insbesondere in den Bereichen:
- Rechtsstaatlichkeit und Unabhängigkeit der Justiz;
- institutionelle Transparenz und Rechenschaftspflicht;
- Wahrung der Menschenrechte;
- Entwicklung hin zu einer wettbewerbsfähigen und verlässlichen Marktwirtschaft;
- Ausarbeitung rechtlicher Rahmenbedingungen für eine bedingte Zusammenarbeit während der Übergangsphase, sodass die Europäische Union ihre Kooperationen entsprechend den politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen ausweiten oder im Falle zunehmender Instabilität gezielt einschränken kann.
3. Begrenzte und kontrollierte wirtschaftspolitische Instrumente
In einer Phase politischer Instabilität sollte das Ziel der Europäischen Union nicht in einer vollständigen Liberalisierung der Wirtschaft liegen. Vorrangig ist vielmehr die Schaffung begrenzter und kontrollierter Mechanismen, um einen wirtschaftlichen Zusammenbruch zu verhindern und die Risiken für wirtschaftliche Akteure zu reduzieren.
Dieser Ansatz könnte auf drei zentralen Instrumenten beruhen:
- Humanitäre und Energiekorridore Diese Korridore schaffen klar definierte Wege für den Handel mit lebenswichtigen Gütern wie Arzneimitteln, Lebensmitteln, medizinischer Ausrüstung sowie ausgewählten Gütern für den Energiesektor. Ihr Hauptziel besteht darin, eine humanitäre Krise zu verhindern und die Funktionsfähigkeit zentraler wirtschaftlicher Infrastrukturen aufrechtzuerhalten, ohne damit eine vollständige Handelsöffnung zu bedeuten.
- Vorbereitung bedingter Kreditlinien über europäische Finanzinstitutionen Im Rahmen dieses Instruments würden begrenzte finanzielle Mittel einer Übergangsregierung oder entsprechenden Übergangsstrukturen zur Verfügung gestellt. Die Mittel würden jedoch schrittweise freigegeben und an klar definierte Bedingungen geknüpft. Der Zugang zu diesen Ressourcen könnte von Kriterien wie makroökonomischer Stabilität, finanzieller Transparenz und institutionellen Reformfortschritten abhängig gemacht werden. Dieses Instrument dient sowohl der finanziellen Unterstützung als auch der Förderung wirtschaftlicher Disziplin.
- Entwicklung politischer Risikoversicherungen für europäische Unternehmen Ziel dieses Instruments ist die Verringerung der Investitionsrisiken, die Stärkung des Vertrauens potenzieller Investoren sowie die Schaffung von Anreizen für ein privates Engagement in einem Umfeld hoher Unsicherheit. Politische Risikoversicherungen können dazu beitragen, private Investitionen bereits in einer frühen Phase des Übergangs zu ermöglichen und damit die wirtschaftliche Stabilisierung zu unterstützen.
4. Diplomatie und institutioneller Einfluss
In dieser Phase besteht das Ziel darin, ein Mindestmaß an Interaktion aufrechtzuerhalten und gleichzeitig die Voraussetzungen für einen möglichen politischen Übergang zu schaffen, ohne dass diese Kontakte als vollständige Legitimierung der bestehenden Verhältnisse verstanden werden.
Dieser Ansatz könnte folgende Maßnahmen umfassen:
- Aufrechterhaltung diplomatischer Kanäle auf Mindestniveau, um Krisen zu bewältigen und einen vollständigen Abbruch der Kommunikationswege zu verhindern;
- Aufbau und Stärkung von Netzwerken zwischen Experten, dem Privatsektor und der Zivilgesellschaft, um bestehende Kommunikations- und Kooperationskanäle zu erhalten sowie das gegenseitige Verständnis zu fördern;
- Beobachtung und Analyse der wirtschaftlichen Machtstrukturen mit dem Ziel, jene Schlüsselakteure und Institutionen zu identifizieren, die in einer Phase nach einem möglichen Übergang eine maßgebliche Rolle spielen könnten.
II. Phase: Erstes Jahr nach dem Regimewechsel (Post-Transition Year +1)
Im ersten Jahr nach dem Zusammenbruch des bisherigen Regimes verlagert sich der Schwerpunkt der Politik der Europäischen Union von der Vorbereitung zur Stabilisierung (Stabilisation). Diese Phase kann entscheidend für den Erfolg oder das Scheitern des politischen Übergangsprozesses sein.
1. Strategische Priorität: Stabilisierung der Übergangsstrukturen
Die Europäische Union sollte in dieser Phase folgende Ziele verfolgen:
- bedingte politische Unterstützung für eine Übergangsregierung bzw. -strukturen;
- enge Koordination mit den Vereinten Nationen sowie regionalen Akteuren, um ein Machtvakuum zu verhindern;
- Verhinderung des Zerfalls staatlicher Institutionen sowie Reduzierung des Risikos eines Bürgerkriegs.
2. Wirtschaftliches Stabilisierungspaket (Stabilization Package)
Um einen wirtschaftlichen Zusammenbruch zu verhindern, könnte ein kurzfristiges und zielgerichtetes Unterstützungsprogramm (analog dem Marshall-Plan) aktiviert werden. Ein solches Stabilisierungspaket könnte folgende Maßnahmen umfassen:
- Bereitstellung finanzieller Soforthilfe zur Stabilisierung der Gesamtwirtschaft und zur Sicherung der makroökonomischen Stabilität;
- unverzügliche Aktivierung eines Fonds für den Wiederaufbau und die Modernisierung kritischer Infrastrukturen;
- kontrollierte Liberalisierung des Handels mit lebenswichtigen Gütern;
- Unterstützung des Bankensystems zur Vermeidung einer Liquiditätskrise.
3. Neugestaltung des Finanz- und Investitionssystems
Sobald die Ausgangsbedingungen stabilisiert sind, sollte der Schwerpunkt auf dem Wiederaufbau des Finanzsystems, der Reform der Investitionsstrukturen, der Gewinnung von Auslandskapital und der Schaffung eines berechenbaren Umfelds für wirtschaftliche Aktivitäten liegen – ein Prozess, der für den langfristigen Erfolg des Übergangsprozesses eine entscheidende Rolle spielen wird.
Über den Iran hinaus
Wichtig ist, dass sich diese Debatte nicht ausschließlich auf das Wirtschaftswachstum des Iran bezieht.
Europa war in den vergangenen Jahren mit einem schwachen Wirtschaftswachstum, einer Energiekrise, einer nachlassenden industriellen Wettbewerbsfähigkeit sowie anhaltendem Inflationsdruck konfrontiert. Unter diesen Bedingungen könnte selbst ein Anstieg des Bruttoinlandsprodukts der Europäischen Union um 0,5 bis 0,7 Prozent erhebliche positive Auswirkungen auf Investitionen, Beschäftigung und Steuereinnahmen haben.

Foto: Stringer/Reuters
Aus politisch-ökonomischer Perspektive ist die Iran-Frage daher nicht allein ein sicherheitspolitisches Thema. Eine erneute Integration des Iran in die Weltwirtschaft könnte eine ähnliche Rolle spielen wie die Öffnung der osteuropäischen Märkte nach dem Ende des Kalten Krieges: die Entstehung eines neuen Absatzmarktes, der Zugang zu zusätzlichen Energiequellen, die Erschließung neuer Handelsrouten sowie die Schaffung eines potenziellen Wachstumsmotors für die europäische Wirtschaft.
Allerdings beruhen all diese Szenarien auf einer grundlegenden Voraussetzung: einem erfolgreichen politischen Übergang, der Etablierung rechtsstaatlicher Strukturen, der Umsetzung wirtschaftlicher Reformen, einer höheren institutionellen Transparenz sowie dem Wiederaufbau des internationalen Vertrauens. Ohne diese Voraussetzungen bleiben die wirtschaftlichen Prognosen und Schätzungen rein hypothetischer Natur.
Sollten diese Bedingungen jedoch erfüllt werden, könnte sich eine der größten bislang isolierten Volkswirtschaften der Welt zu einer der bedeutendsten Wachstumschancen für Europa und die westlichen Industriestaaten entwickeln. Der Iran ist eine Chance, die die EU ernst nehmen sollte – denn andere werden es tun.










