Wie Irans Freiheitsanspruch im Schatten eines außer Kontrolle geratenen Regimes auf Hormus reduziert wurde
von: Mehrnaz HajiAli
Als den iranischen Protestierenden am 13. Januar zurief, Hilfe sei „auf dem Weg“, entstand für einen kurzen Moment der Eindruck, der Iran könne diesmal nicht nur als sicherheitspolitisches Dossier, sondern als Sache eines widerstehenden Volkes begriffen werden.[1] Noch am selben Tag erklärte er, Gespräche mit iranischen Funktionären bis zum Ende der blutigen Niederschlagung auszusetzen. Doch was in den folgenden Wochen und Monaten ins Zentrum der praktischen Politik rückte, war etwas anderes: Waffenruhe, Schifffahrtsrouten, die Straße von Hormus, hochangereichertes Uran und die Möglichkeit, mit genau jenem Regime wieder in Verhandlungen einzutreten, das Gegenstand der Proteste war. Reuters berichtete über die Verlängerung der Waffenruhe, über Hormus als Kern der Krise und über Irans Bestand von 440,9 Kilogramm auf 60 Prozent angereichertem Uran.[2][3] In dieser Verschiebung zeigt sich bereits die Distanz zwischen einem Versprechen an das iranische Volk und der Rückkehr zur vertrauten Logik der Geopolitik.
Von hier aus lässt sich der zentrale Satz dieser Krise formulieren: Ein Krieg, der angeblich der Freiheit der Iraner dienen sollte, ist zu einem Krieg für die Freiheit der Straße von Hormus geschrumpft. Das ist keine rhetorische Zuspitzung, sondern beschreibt die tatsächliche Neuordnung der Prioritäten. Die leitende Frage lautet nicht mehr, in welchem Verhältnis die Islamische Republik zur iranischen Gesellschaft steht, sondern was mit Hormus geschieht, welche Form der Kontrolle über die Uranbestände durchgesetzt werden soll und wie sich die Eskalation begrenzen lässt. In dem Moment, in dem Energie, Abschreckung und Schifffahrt das Zentrum bilden, werden die Iraner nicht deshalb verdrängt, weil ihr Name nicht fällt, sondern weil sie nicht länger das eigentliche Subjekt der Krise sind.[2][3]
Gerade deshalb muss zwischen Druck auf die Islamische Republik und Freiheit für die iranische Bevölkerung unterschieden werden. Beides ist nicht identisch. The Atlantic hat zu Recht darauf hingewiesen, dass der amerikanische Schlag gegen Iran ohne kohärente Strategie für die iranische Gesellschaft begann und dass Trump die Protestierenden in jenem Moment politisch im Stich ließ, in dem reale Unterstützung entscheidend gewesen wäre.[4] Selbst in Foreign Affairs wurde die Iran-Frage nicht mehr nur als Nuklearfrage behandelt, sondern als „existenzielle Krise des Regimes“ und als Problem dessen, was nach Khamenei kommen könnte.[5] In der tatsächlichen Politik blieb jedoch nicht die Schwächung des Repressionsapparats zentral, sondern wieder Eindämmung, Waffenruhe, Hormus und Verhandlung. Ein „regime change“ in diesem Rahmen ist daher nicht automatisch das, was die Iraner selbst unter politischem Wandel verstehen.
Denn für die Iraner bedeutet Regimewechsel weder ein venezolanisches Modell noch die Suche nach einer verhandelbaren Figur innerhalb derselben Ordnung. Das Problem Irans ist weder Symbolmangel noch Führungsleere. Vielmehr lassen sich innerhalb der iranischen Diaspora sowie im Inneren des Landes erkennbare Ansätze politischer Bündelung und personeller Orientierung feststellen, die darauf hindeuten, dass die Opposition keineswegs führungslos ist.
Diese Dynamiken verdichten sich nicht nur in Teilen der Diaspora, sondern auch innerhalb der iranischen Gesellschaft selbst um eine zentrale politische Figur, den im Exil lebenden Oppositionsakteur Kronprinz Pahlavi, der für Teile der Opposition als politischer Bezugspunkt fungiert. Die iranische Gesellschaft, im Inland wie in der globalen Diaspora, ist also weder führungslos noch richtungslos.
Gerade deshalb ist Iran weder Irak noch Vietnam noch Venezuela. Das Problem ist nicht das Fehlen einer Nation, sondern die Überformung eines historisch gewachsenen Gemeinwesens durch einen Staat, dessen institutionelle Logik in zentralen Punkten gegen eben diese Gesellschaft gerichtet ist.
Die Islamische Republik ist nicht nur ein ideologisches oder nukleares Projekt, sondern ein rentiergestütztes, öl- und gasbasiertes Sicherheitsregime, dessen Überleben auf Repression, Sanktionsökonomie, Energierenten und der institutionellen Macht der Revolutionsgarden beruht. Wenn diese innere Architektur intakt bleibt, bedeutet die Zerstörung von Raketen- oder Nuklearkapazitäten nicht automatisch den Zusammenbruch des Regimes. Sie kann ebenso gut zu einer geschlosseneren, brutaleren und ideologisch verhärteten Form seiner Rückkehr führen. Die eigentliche Gefahr liegt dabei nicht primär in einer Loyalitätsmobilisierung unter der Flagge der Islamischen Republik, sondern darin, dass Krieg, Angst und Überlebenslogik den Protest vorübergehend zurückdrängen und dem Regime Zeit zur Neuorganisation verschaffen.
Das eigentliche Problem dieses westlichen Ansatzes besteht deshalb nicht nur darin, dass er die Iraner aus dem Zentrum der Krise verdrängt; er erzeugt nicht einmal für die USA einen überzeugenden Begriff von Sieg. Ein Regime, das nur auf der Ebene seiner harten Kapazitäten getroffen wird, während Repressionsapparat, Rentennetzwerke und die Logik seines Überlebens intakt bleiben, verschwindet nicht, sondern zieht sich nach innen zusammen. Und eine zusammengedrückte Islamische Republik ist nicht notwendig schwächer als zuvor; sie kann ideologischer, rachsüchtiger und geschlossener zurückkehren. Ein solches Regime kehrt, sobald es Zeit zur Rekonstitution gewinnt, an seinen Ausgangspunkt zurück: zur Feindschaft, zur Krise und zu einer Definition seines Überlebens durch Krieg gegen Gesellschaft und Welt. Aus dieser Perspektive ist eine Strategie, die das iranische Volk umgeht, nicht nur moralisch defizitär, sondern auch strategisch steril. Sie befreit weder Iran noch setzt sie die Islamische Republik wirklich außer Kraft, noch hinterlässt sie dem Westen eine stabilere Ordnung. Übrig bleibt nicht ein freier Iran, sondern ein verletztes, wütendes und für die nächste Runde bereites Regime, ein Regime, das erneut aus der Kluft zwischen Geopolitik und Freiheit Zeit für sein Weiterleben gewonnen hat.
[1] Reuters, 13. Januar 2026: Trumps Botschaft an iranische Protestierende („help is on its way“).
[2] Reuters, April 2026: Verlängerung der Waffenruhe und Fortsetzung der Gespräche.
[3] Reuters / IAEA-Bericht: 440,9 Kilogramm auf 60 Prozent angereichertes Uran.
[4] The Atlantic: Kritik an Trumps fehlender Strategie gegenüber der iranischen Bevölkerung.
[5] Foreign Affairs, 28. Februar 2026: The Iranian Regime’s Existential Crisis—and What Might Come After Khamenei.
[6] Reuters, Januar 2026: Reza Pahlavi als sichtbare Stimme der Protestphase und Übergangsfigur für einen Teil seiner Anhänger.
[7] Reuters-Fotoberichte und Protestberichterstattung: Sichtbarkeit der Lion-and-Sun-Flagge in internationalen Mobilisierungen der Diaspora.









