Anzeichen innerstaatlicher Gewalt in Iran
Inhaltsverzeichnis
Anzeichen innerstaatlicher Gewalt in Iran: Perspektiven und Implikationen für Europa
Dieser Artikel stützt sich auf die wissenschaftliche Literatur zu innerstaatlichen Konflikten und auf empirische Daten, um Indikatoren und Variablen zu analysieren, die die Wahrscheinlichkeit innerstaatlicher Gewalt in Ländern erhöhen. Obwohl der Fall Iran in den letzten Jahren überwiegend auf nationaler Ebene und aus der Perspektive iranischer politischer Akteure untersucht wurde, muss berücksichtigt werden, dass die Folgen einer innerstaatlichen Krise in Iran über die Landesgrenzen hinausreichen und Europa als indirekter Nachbar sowie wirtschaftlicher und politischer Partner der Region stark betroffen sein wird.
Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs haben sich weltweit mehr als 259 bedeutende innerstaatliche Konflikte in 159 Ländern ereignet, wobei sich diese Situation nach dem Zerfall der Sowjetunion weiter verschärft hat (Gleditsch et.al 2016). Während im Jahr 1960 die Wahrscheinlichkeit, dass ein Land in einen Bürgerkrieg gerät, bei 9 Prozent lag, stieg diese Wahrscheinlichkeit bis 1990 auf 18 Prozent (ebd.), was einem Wachstum von 100 Prozent entspricht. Dieser Trend stellt nicht nur für Länder wie Iran eine Warnung dar, sondern hat auch direkte Auswirkungen auf regionale und globale Akteure.
Im Falle des Ausbruchs innerstaatlicher Gewalt in Iran würde Europa mit Herausforderungen konfrontiert, darunter ein Anstieg von Migrationsströmen, die Destabilisierung der Energiemärkte, die Zunahme radikaler Gruppen sowie transnationale Sicherheitsbedrohungen. Diese Besorgnis wird durch Daten wie die Zunahme von 11,5 Prozent der vertriebenen Bevölkerung in der ersten Jahreshälfte 2024 unterstrichen, was die Notwendigkeit verdeutlicht, Europa auf solche Szenarien vorzubereiten (ICMPD, 2025).

Anmerkung: Eigene Darstellung auf Grundlage von Gleditsch et al. 2002 sowie Melander et al. 2016.
Anmerkung: Das UCDP unterscheidet zudem extrastaatliche bewaffnete Konflikte, definiert als bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen einem Staat und einer nicht souveränen Entität außerhalb der Staatsgrenzen dieses Staates etwa einer Kolonie. Da dieser Konflikttyp seit 1975 nicht mehr aufgetreten ist, wird er in diesem Artikel nicht weiter behandelt.
Solche alarmierenden Statistiken sowie die jüngsten Entwicklungen im Nahen Osten verdeutlichen, dass für Europa kein Zweifel bestehen kann: Länder, die strukturelle Bedingungen für Bürgerkriege aufweisen, sind weder „Ausnahmen“ noch lassen sie sich durch kulturelle oder historische Begründungen als krisensicher darstellen. Iran stellt genau einen solchen Fall dar und weist einen großen Teil der Variablen auf, die in anerkannten politikwissenschaftlichen Studien als notwendige Bedingungen für den Ausbruch innerstaatlicher Gewalt identifiziert wurden. Das Ignorieren dieser Realität und die Betrachtung Irans als „Sonderfall“ oder als kulturell fundamental anderes Land ist weniger eine realistische Analyse als eine Wunschvorstellung und bedeutet, ein Modell zu übersehen, dessen Wirksamkeit in zahlreichen anderen Staaten empirisch nachgewiesen wurde. Feldforschung und empirische Studien warnen frühzeitig davor, unter welchen Bedingungen Staaten in Richtung innerstaatlicher Gewalt drifteten und welche Maßnahmen eine Eskalation verhindern können.
Vor diesem Hintergrund gewinnt die Diskussion für Europa besondere Bedeutung: werden die Warnsignale ignoriert, werden die daraus resultierenden Kosten nicht nur von der iranischen Bevölkerung getragen, sondern treffen auch Europa direkt – von Energie- und Wirtschaftsfragen bis hin zu Migration und innerer Sicherheit. Ziel dieses Artikels ist es genau, auf Grundlage der verfügbaren Daten und empirischen Modelle aufzuzeigen, dass Iran an der Schwelle zu einer besonders riskanten Phase steht und dass die europäische Untätigkeit gleichbedeutend ist mit der Missachtung einer Bedrohung, die unmittelbar die Interessen und die Sicherheit des Kontinents betrifft.
Wenn Europa einen vollumfänglichen Krisenausbruch in seiner Nachbarschaft verhindern will, ist es notwendig, eine aktive Politik zur Unterstützung eines friedlichen politischen Übergangs und der Etablierung eines handlungsfähigen Nationalstaates in Iran zu verfolgen.
Einflussfaktoren auf den Ausbruch innerstaatlicher Konflikte und die Lage im Iran
Auf Grundlage der in den Politikwissenschaften verfügbaren Modelle und empirischen Daten zu innerstaatlichen Konflikten erfüllt Iran sämtliche Variablen, die den Ausbruch eines Bürgerkriegs begünstigen, und befindet sich an der Schwelle zu innerstaatlicher Gewalt. Forschende im Bereich innerstaatlicher Konflikte sind sich bewusst, dass Daten in modernen sozialwissenschaftlichen Modellen keine mathematische Gewissheit liefern, jedoch erlaubt die wichtigste Anwendung – die Annäherung – eine Vorhersage potenzieller Krisen und kann so deren Eintreten verhindern.
Sollte es nicht zu einem grundlegenden Wandel im Verhalten der Herrschaftselite kommen – wobei die meisten Analysen davon ausgehen, dass ein solcher Wandel äußerst unwahrscheinlich ist – befindet sich Iran nicht nur in einer gefährlichen Lage bezüglich Gewalt und Konflikten, sondern in einem Zustand, der als Bürgerkrieg interpretiert werden kann. Die in den letzten Jahren zunehmenden Proteste stellen eine frühe Warnung dar, die bei fortgesetzter Repression aller Wahrscheinlichkeit nach in gewalttätigere Formen eskalieren wird.
Ein besonders aufschlussreicher Befund aus der Literatur zu innerstaatlichen Konflikten betrifft den Status und die Rechte von Frauen in Verbindung mit der Wahrscheinlichkeit innerstaatlicher Gewalt. Studien zeigen, dass Geschlechtergleichstellung zu den stärksten Indikatoren für das Auftreten oder Ausbleiben innerstaatlicher Gewalt zählt. Je größer die sozialen und politischen Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass Gewalt oder innerstaatliche Konflikte ausbrechen (Caprioli, 2005).
Die Verbindung zwischen Geschlechterungleichheit und Bürgerkrieg lässt sich erklären, ohne tiefer in die Wahrscheinlichkeitsrechnung einzusteigen: Die Stärke der unabhängigen Variablen (Frauenrechte, Geschlechterungleichheit etc.) wirkt auf die abhängige Variable (hier: Krieg oder innerstaatliche Gewalt) und kann von intervenierenden Variablen beeinflusst werden. In Ländern mit ausgeprägter Geschlechterungleichheit herrscht in der Regel eine restriktive politische Kultur, begrenzte materielle Ressourcen, geringe Arbeitsmöglichkeiten. sowie ineffektive zivile und strafrechtliche Institutionen, die die Bürgerrechte nicht schützen können.
Die Variable „Frauenrechte“ aggregiert demnach zahlreiche andere strukturelle Faktoren. In diesem Zusammenhang zeigt Iran weltweit einen der schlechtesten Werte. Hinsichtlich der Geschlechterungleichheit rangiert Iran auf allen internationalen Rankings unter den Ländern mit den größten Defiziten und ist vergleichbar mit kriegsbetroffenen Staaten (The Global Gender Gap Report 2017).
Ein weiterer entscheidender Faktor für den Ausbruch von Bürgerkriegen und innerstaatlicher Gewalt ist ethnische und religiöse Diversität. In den meisten innerstaatlichen Konflikten spielen ethnische Gruppen und identitäre Gemeinschaften eine signifikante Rolle. Diese Rolle resultiert jedoch nicht zwingend aus direkter ethnischer Unterdrückung, sondern entsteht häufig aus ineffizienten politischen Strukturen und generellem Druck auf die gesamte Bevölkerung. Im Iran wird Repression generell und umfassend auf die gesamte Gesellschaft angewendet, ohne dass einzelne Gruppen oder Ethnien davon ausgenommen sind. Gleichzeitig schaffen genau diese umfassenden Strukturen der Diskriminierung sowie das Fehlen funktionierender zivilgesellschaftlicher Institutionen und freier Parteien jedoch einen Nährboden für die Mobilisierung ethnonationalistischer Diskurse innerhalb bestimmter Gruppen. Dieser Aspekt ist besonders relevant, da selbst wenn alle Menschen gleichermaßen unter einem ineffizienten System leiden, ethnische und religiöse Gruppen aufgrund stark verankerter kollektiver Identitäten in Krisenzeiten zu Mobilisierungszentren für Protest und Widerstand werden können.
Das primäre Risiko liegt daher nicht in direkter ethnischer Unterdrückung, sondern in der Kombination aus generellem gesellschaftlichem Druck, ethnonationalistischen Potenzialen und religiösen Spaltungen. Besonders die Schiiten-Sunniten-Grenze und die Existenz mehrerer ethnischer Gruppen, die in der Vergangenheit separatistische oder identitätsbasierte Parolen propagierten, könnten im Falle weitreichender Unruhen Iran zu einem komplexeren und risikoreicheren Schauplatz machen als viele andere Länder der Region.
Ein weiterer entscheidender Faktor für den Ausbruch innerstaatlicher Gewalt ist das Niveau der innerstaatlichen Repression kurz vor einem möglichen Konflikt. In diesem Bereich existieren zahlreiche Studien, die den Zusammenhang zwischen der Stärke der Repression und der Wahrscheinlichkeit des Ausbruchs eines Bürgerkriegs untersuchen, unter der Annahme, dass andere Variablen konstant bleiben. Es ist bekannt, dass das Niveau der innerstaatlichen Repression gemäß verschiedenen Modellen der Bürgerkriegsprognose einen signifikanten Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit von Gewalt hat. Allerdings haben einige Studien gezeigt, dass mittleres Maß an Repression – im Vergleich zu totaler Unterdrückung – sogar schädlicher sein kann, da es Mobilisierungsmöglichkeiten der Opposition schafft (Piazza, 2013). Mit anderen Worten, totale Repression könnte weniger destabilisieren als partielle, inkonsistente Repression.
Unabhängig vom Niveau der Repression gilt jedoch: jegliche Form der Unterdrückung erhöht die Wahrscheinlichkeit innerstaatlicher Gewalt im Vergleich zu einer Situation ohne Repression.
Iran stellt in diesem Zusammenhang einen besonders interessanten Fall dar, da das Repressionsniveau dort inkonsistent, unregelmäßig und fragmentiert ist. Die Islamische Republik operiert weder mit der totalen, strategischen Repression klassischer westlicher totalitärer Regime – etwa faschistischer Regime in Deutschland oder Italien – oder der Repression der ehemaligen Staaten des Ostblocks, noch greift sie auf die selektive, rechtlich gerahmte Repression zurück, wie sie in modernen Demokratien üblich ist.
Das Ergebnis ist eine doppelte Dynamik: Einerseits erzeugt die weitreichende, aber ineffektive Repression Unzufriedenheit; andererseits erlaubt die unzureichende Effektivität der Unterdrückungsmaßnahmen die gelegentliche Entladung von Protesten. Anders formuliert, Proteste und Unzufriedenheit brechen periodisch auf, weil die Repression weder kohärent noch vollständig durchgesetzt wird.

Ökonomische und politische Struktur als Variablen für den Ausbruch innerstaatlicher Gewalt
Eine weitere Variable, die in neueren Studien zum Ausbruch von Bürgerkriegen diskutiert wird, ist die Stärke bzw. Schwäche der wirtschaftlichen und politischen Strukturen eines Regimes. Politische Systeme mit schwachen wirtschaftlichen Strukturen, die nicht in der Lage sind, Güter und Ressourcen effizient oder gerecht an ihre Bevölkerung zu verteilen, schaffen materielle Gründe und Gelegenheiten für Unzufriedenheit. In vielen Ländern wurde beobachtet, dass politische Repression teilweise durch wirtschaftliche Wohltaten kompensiert werden kann. Wenn jedoch Repression und materielle Knappheit gleichzeitig auftreten, entsteht eine Situation, die als prädiktiv für Katastrophen im Kontext innerstaatlicher Gewalt gilt.
Ein weiterer wichtiger Faktor, der in der Literatur zu Bürgerkriegen hervorgehoben wird, ist die geopolitische Lage eines Landes in Bezug auf benachbarte Staaten. Länder, die sich in unmittelbarer Nähe zu schwachen Staaten oder Staaten mit konfliktbelasteten Beziehungen befinden, weisen ein höheres Risiko für den Ausbruch und die Verlängerung von innerstaatlichen Konflikten auf, wie numerische Modelle der Bürgerkriegsliteratur zeigen. Der Mechanismus ist nachvollziehbar: feindlich gesinnte Nachbarstaaten erhöhen die Wahrscheinlichkeit von materieller Unterstützung für oppositionelle Gruppen innerhalb des Landes, während schwache Nachbarn häufig nicht über die Kapazität verfügen, solche Unterstützung zu verhindern. Ein anschauliches Beispiel hierfür ist die Rolle Irans, Saudi-Arabiens und des Irak in den Konflikten in Syrien und im Jemen, wo externe Akteure sowohl Konfliktdynamiken verschärften als auch die Dauer und Intensität der Gewalt verlängerten.
In der Forschung zu innerstaatlichen Konflikten wird selbst die Geographie eines Landes als unabhängige und messbare Variable betrachtet, die zur Vorhersage der Wahrscheinlichkeit und Intensität innerstaatlicher Gewalt herangezogen werden kann. So gilt ein Land mit schwer zugänglichen Regionen, wie etwa Afghanistan, im Allgemeinen als besonders anfällig für Bürgerkriege im Vergleich zu einem flachen und leicht zugänglichen Staat. Die Gesamtbefunde der innerstaatlichen Konfliktforschung zeigen, dass Länder mit ausgedehnten Gebieten und einer topographischen Vielfalt – insbesondere bergiges und bewaldetes Terrain – potentiell mehr Möglichkeiten für interne Konflikte bieten. Beispiele hierfür sind der Bürgerkrieg in Kolumbien, das Ereignis von Siahkal in Iran sowie die schwer zugänglichen Regionen Perus, die als Operationsgebiete der „Leuchtenden Pfad“-Gruppe dienten. Alle diese Fälle unterstreichen die Bedeutung der Geographie als eine der maßgeblichen Variablen, die das Auftreten und die Dynamik innerstaatlicher Gewalt beeinflussen.
Die empirische Bürgerkriegsforschung zeigt, dass die Abhängigkeit von einem einzelnen Wirtschaftsprodukt oder von begrenzten Exportgütern als zentrale Staatseinnahmequelle eine signifikante erklärende Variable für das Risiko innerstaatlicher Konflikte darstellt (Thies 2010). Dieser Zusammenhang kann – ähnlich wie bei geschlechtsspezifischer Ungleichheit – durch intervenierende Variablen vermittelt sein. Die Wirkung der unabhängigen Variable (Rentierwirtschaft) auf die abhängige Variable (innerstaatliche Gewalt) entfaltet sich über spezifische kausale Mechanismen. So sind rentenabhängige Staaten weniger auf steuerliche Rechenschaftsbeziehungen gegenüber ihrer Bevölkerung angewiesen, während gleichzeitig Korruptionsanfälligkeit und klientelistische Verteilungsstrukturen zunehmen können. Unabhängig vom genauen kausalen Mechanismus gilt als empirisch gut belegt, dass ressourcenreiche Rentierstaaten ein höheres Risiko gewaltsamer innerstaatlicher Konflikte aufweisen als ökonomisch diversifizierte Staaten mit starkem Privatsektor und ohne unmittelbaren staatlichen Zugriff auf strategische Rohstoffe (Benjamin 2016).
Eine weitere zentrale erklärende Variable in der vergleichenden Konfliktforschung ist der Regimetyp im Vorfeld eines Bürgerkriegs. Aufbauend auf der “Democratic Peace Theory” argumentieren zahlreiche Studien, dass demokratische Systeme nicht nur untereinander seltener Krieg führen, sondern auch innerhalb ihrer eigenen Grenzen signifikant geringere Wahrscheinlichkeiten für gewaltsame innere Konflikte aufweisen. Der überwiegende Anteil innerstaatlicher Kriege ereignet sich demnach in autoritären oder hybriden Regimen.
Zu den weiteren Variablen, denen in der Bürgerkriegsforschung erhebliche Bedeutung beigemessen wird und die ein Land mit hoher Wahrscheinlichkeit in Richtung innerstaatlicher Gewaltkonflikte drängen können, zählt die Vorgeschichte externer bewaffneter Auseinandersetzungen, also zwischenstaatlicher Kriege. Empirische Studien zeigen, dass Staaten, die kürzlich in militärische Konflikte mit anderen Ländern verwickelt waren oder einen kostenintensiven und politisch ergebnislosen Krieg erlebt haben, ein signifikant erhöhtes Risiko aufweisen, in einen Bürgerkrieg abzugleiten. Dies gilt insbesondere für autoritäre Regime, die externe Kriege führen. Aufgrund der Schwächung sicherheitspolitischer Institutionen sowie des Legitimationsverlustes staatlicher Herrschaft sind solche Staaten in den Jahren nach einem außenpolitischen Konflikt in besonderem Maße anfällig für innerstaatliche Gewalt. Militärische Niederlagen, erhebliche fiskalische Belastungen und der Erosionsprozess politischer Legitimität im Anschluss an einen Krieg zählen zu den zentralen Faktoren, die bewaffneten nichtstaatlichen Akteuren erweiterte Handlungsräume eröffnen oder zivile Oppositionsgruppen zur Militarisierung ermutigen (Buhaug et al. 2011). Die Islamische Republik hat seit ihrer Gründung zwei kostenintensive und sicherheitspolitisch hochriskante externe Kriege verursacht, deren jeweilige Folgen sowohl die ökonomische Struktur des Landes als auch die politische Legitimität des Regimes im Vergleich zur Vorkriegsphase nachhaltig geschwächt haben.
Eine junge Bevölkerungsstruktur kann einerseits als demographische Dividende wirken und wirtschaftliche Entwicklung, Innovation und gesellschaftliche Transformation vorantreiben. Andererseits erhöht ein ausgeprägter Jugendüberhang unter restriktiven politischen und prekären ökonomischen Bedingungen die Wahrscheinlichkeit kollektiver Mobilisierung gegen die bestehende Herrschaftsordnung.
Quantitative Untersuchungen zu innerstaatlichen Gewaltkonflikten zeigen konsistent, dass junge Menschen ohne hinreichende Beschäftigungs- und Aufstiegsperspektiven einen signifikanten Risikofaktor für das Ausbrechen bewaffneter Auseinandersetzungen darstellen. Yair und Miodownik weisen auf der Grundlage globaler Datensätze darauf hin, dass ein ausgeprägter “youth bulge” über ökonomische Mechanismen wie hohe Jugendarbeitslosigkeit und geringe Opportunitätskosten der Gewaltanwendung die Wahrscheinlichkeit des Beginns nichtethnischer Bürgerkriege signifikant erhöht (Yair and Miodownik 2016).
Diese Befunde sind insbesondere für den iranischen Kontext relevant, sofern man davon ausgeht, dass künftige Mobilisierungen primär regimegerichtet und nicht ethnisch fragmentiert verlaufen, wie es bereits bei den landesweiten Protesten im Rahmen der Mahsa Bewegung im Jahr 2022 zu beobachten war. Ergänzend zeigen die Analysen von Henrik Urdal, dass ein hoher Anteil junger Menschen an der Gesamtbevölkerung, insbesondere unter Bedingungen wirtschaftlicher Krisen oder struktureller Stagnation, statistisch mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit bewaffneter innerstaatlicher Konflikte, terroristischer Aktivitäten sowie urbaner Aufstände korreliert (Urdal 2006). Demnach stellt die Kombination aus Jugendüberhang, ökonomischer Marginalisierung und politischer Repression einen strukturellen Risikofaktor dar, der in jeder belastbaren Konfliktprognose systematisch berücksichtigt werden muss.
Eine schwach ausgeprägte Zivilgesellschaft sowie das Fehlen vermittelnder Institutionen zwischen Staat und Bürgerschaft stellen weitere strukturelle Faktoren dar, die dazu beitragen, dass soziale und politische Missstände in gewaltsame Formen politischer Auseinandersetzung transformiert werden. Die Forschung zu innerstaatlichen Konflikten zeigt eine inverse Beziehung zwischen der Existenz funktionsfähiger zivilgesellschaftlicher Institutionen und dem Risiko kollektiver Gewalt:je geringer die institutionelle Dichte von Parteien, Gewerkschaften, freien Medien und autonomen Verbänden, desto höher die Wahrscheinlichkeit gewaltsamer Eskalation (Putnam 1993; Cederman et al. 2013).
In autoritären politischen Systemen führt politischer Monopolismus dazu, dass institutionalisierte Kanäle friedlicher Artikulation systematisch blockiert werden. Wenn Parteien, Berufsverbände, Gewerkschaften und zivilgesellschaftliche Organisationen entweder verboten oder strukturell entmachtet sind, verengt sich der Raum legitimer Interessenvertretung erheblich. Unter solchen Bedingungen steigt insbesondere für junge Bevölkerungsgruppen die Attraktivität gewaltsamer Strategien als vermeintlich effektive Form politischer Durchsetzung.
Zugleich agieren oppositionelle Eliten als strategische Akteure im Sinne rationaler Entscheidungsmodelle. Aus einer spieltheoretischen Perspektive wissen sie, dass junge Menschen aufgrund geringerer Opportunitätskosten, höherer Risikobereitschaft und oftmals geringerer familiärer Bindungen leichter mobilisierbar sind. Diese Konstellation erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Protestdynamiken in organisierte und potenziell bewaffnete Formen der Opposition übergehen.
Vor diesem Hintergrund muss jede belastbare Konfliktprognose für Iran oder vergleichbare Staaten den Anteil junger Menschen an der Gesamtbevölkerung sowie deren Arbeitsmarktintegration und politische Partizipationsmöglichkeiten systematisch berücksichtigen. In Abwesenheit legitimer Kanäle zur Erfüllung beruflicher, sozialer und politischer Erwartungen können marginalisierte Jugendkohorten zu einer zentralen Trägerschicht gewaltsamer Oppositionsbewegungen werden.
Die vorliegende Analyse zeigt, dass der Iran gegenwärtig eine Kumulation struktureller Hochrisikoindikatoren aufweist, die in der wissenschaftlichen Forschung als zentrale Prädiktoren für den Ausbruch innerstaatlicher Gewalt gelten. Diese Konstellation stellt nicht lediglich ein Risiko für die Stabilität des Nahen Ostens dar, sondern berührt in direkter Weise vitale europäische Interessen.
Die erste potenzielle Folgewirkung eines solchen Szenarios betrifft den Energiesektor. Zwar ist der Iran gegenwärtig kein bedeutender direkter Energieexporteur in die Europäische Union, doch seine geostrategische Lage, insbesondere die Kontrolle über den Persischen Golf und die Nähe zur Straße von Hormus, verleiht ihm systemische
Relevanz für die globale Energiearchitektur. Durch diese maritime Engstelle passieren täglich rund zwanzig Millionen Barrel Rohöl, was etwa einem Drittel des weltweiten Seehandels mit Erdöl entspricht. Jede substanzielle Destabilisierung Irans, die die Sicherheit dieser Transitroute beeinträchtigt, hätte unmittelbare Auswirkungen auf die globalen Rohölpreise und damit auf Inflation, industrielle Produktionskosten und die Kaufkraft europäischer Haushalte. Ein innerstaatlicher Kollaps im Iran wäre somit kein regional isoliertes Ereignis, sondern ein exogener Schock mit direkter Übertragung in die ökonomischen Zentren Europas.
Zweitens ist mit erheblichen migrationspolitischen Konsequenzen zu rechnen. Die Erfahrungen aus Syrien und Libyen haben gezeigt, dass der Zerfall staatlicher Ordnungsstrukturen in der MENA Region großskalige Fluchtbewegungen auslösen kann. Vor dem Hintergrund historisch hoher globaler Vertreibungszahlen würde eine Destabilisierung Irans mit seiner Bevölkerung von über fünfundachtzig Millionen Menschen ein erhebliches Migrationspotenzial generieren. Selbst wenn nur ein Bruchteil der Bevölkerung zur Emigration gezwungen wäre, könnten die Aufnahmekapazitäten europäischer Staaten erheblich unter Druck geraten, mit entsprechenden sozioökonomischen und innenpolitischen Spannungen.
Drittens hätte eine strukturelle Schwächung oder Fragmentierung staatlicher Autorität in Iran sicherheitspolitische Implikationen. Machtvakuen begünstigen erfahrungsgemäß die Expansion nichtstaatlicher bewaffneter Akteure, transnationaler Netzwerke und extremistischer Gruppierungen. Eine solche Entwicklung würde nicht nur regionale Instabilität verstärken, sondern auch das Risiko grenzüberschreitender Kriminalität, illegaler Handelsströme und potenziell terroristischer Aktivitäten in Europa erhöhen. Die Verschränkung von Staatszerfall, organisierter Kriminalität und transnationalem Extremismus ist in der sicherheitspolitischen Literatur hinreichend dokumentiert und würde im Falle Irans eine neue Qualität strategischer Bedrohung darstellen.
Aus europäischer Perspektive würde Untätigkeit oder strategische Verzögerung somit mit drei kumulativen Kostenkomplexen einhergehen: erstens energieökonomische Schocks infolge einer Destabilisierung der Straße von Hormus, zweitens migrationspolitische Belastungen mit langfristigen gesellschaftlichen Folgewirkungen und drittens eine Intensivierung transnationaler Sicherheitsrisiken.
Vor diesem Hintergrund erscheint eine präventive und strategisch ausgerichtete Europapolitik gegenüber Iran nicht als normative Option, sondern als rationales sicherheitspolitisches Gebot. Eine Investition in Stabilität, institutionelle Resilienz und die Unterstützung eines Übergangs zu einer national legitimierten und rechenschaftspflichtigen Regierungsform in Iran wäre nicht allein im Interesse der iranischen Bevölkerung, sondern entspräche unmittelbar den energiepolitischen, migrationspolitischen und sicherheitspolitischen Kerninteressen Europas.
Bibliografie
- Caprioli, Mary. 2005. “Primed for Violence: The Role of Gender Inequality in Predicting Internal Conflict.” International Studies Quarterly 49(2):161–78.
- Thies, Cameron. 2010. “Of Rulers, Rebels, and Revenue: State Capacity, Civil War Onset, and Primary Commodities.” Journal of Peace Research47(3):321–32.
- Gleditsch, Nils Erik; Melander, and Henrik Urdal. 2016. “Patterns of Armed Conflict since 1945,” Chapter 1 in Mason and Mitchell, What Do We Know About Civil Wars?
- Sambanis, N. (2004). What Is Civil War? Conceptual and Empirical Complexities of an Operational Definition. The Journal of Conflict Resolution, 48(6), 814–858. http://www.jstor.org/stable/4149797
- Smith, Benjamin. 2016. “Exploring the Resource-Civil War Nexus,” Chapter 13 in Mason and Mitchell, What Do We Know About Civil Wars?
- The Global Gender Gap Report. 2017.
http://www3.weforum.org/docs/WEF_GGGR_2017.pdf - Minority Rights International. Peoples under threat 2018 report. https://peoplesunderthreat.org/countries/iran-islamic-republic-of/
- Piazza, James A. 2013. “Regime Age and Terrorism: Are New Democracies Prone to Terrorism?” International Interactions 39, no. 2: 246-263.
- What Do We Know about Civil Wars?: Introduction and Overview. T. David Mason, Sara McLaughlin Mitchell, and Alyssa K. Prorok. In Mason and Mitchell, What Do We Know About Civil Wars?
- Hallberg, Johan Dittrich. 2012. “PRIO Conflict Sites 1989–2008: A Geo-Referenced Dataset on Armed Conflict.” Conflict Management and Peace Science 29(2):219–32.
- Urdal, Henrik (2006) A Clash of Generations? Youth Bulges and Political Violence, International Studies Quarterly 50 (3): 607–630.
- Yair, O., & Miodownik, D. (2016). Youth bulge and civil war: Why a country’s share of young adults explains only non-ethnic wars. Conflict Management and Peace Science, 33(1), 25–44.
https://www.jstor.org/stable/26271410









