Warum klatschen und tanzen Iraner bei den Trauerfeiern ihrer jungen Verstorbenen?
von: Alborz Zahedi
Diese Frage irritiert viele Außenstehende. Sie erschließt sich jedoch nur vor dem langen historischen Gedächtnis einer Gesellschaft, die seit über vierzehn Jahrhunderten gezwungen ist, ihre kulturelle Identität gegen religiöse und politische Überformung zu verteidigen. Seit der gewaltsamen Islamisierung ihres Landes haben die Iraner ihre vorislamischen Traditionen, Rituale und Wertvorstellungen über Generationen hinweg bewahrt. Trotz fremder Invasionen, trotz Massakern und politischer Umbrüche blieb eine kulturelle Grundhaltung erhalten, die das Leben, die Freude und die Verbundenheit mit der Natur in den Mittelpunkt stellt.
Über Jahrhunderte versuchte die iranische Gesellschaft, ein Gleichgewicht zwischen iranischer Identität und islamischer Religiosität herzustellen. Auch frühe Ausprägungen des schiitischen Glaubens lassen sich als Teil dieses Vermittlungsversuchs lesen. Doch im Laufe der Zeit verwandelte sich die schiitische Geistlichkeit zunehmend in eine politische Macht, die in offenem Gegensatz zur iranischen Identität stand. Spätestens nach der Islamischen Revolution und der vollständigen Machtübernahme durch die Geistlichen eskalierte dieser Konflikt.
Der schiitische Islam in seiner staatlich institutionalisierten Form ist stark apokalyptisch geprägt und von einer ausgeprägten Fixierung auf Tod, Martyrium und Opfer durchzogen. Ruhollah Khomeini betonte wiederholt die zentrale Rolle von Trauerritualen, Klage und Tränen im Monat Muharram für den Fortbestand der Revolution. Schwarze Kleidung, religiöse Gesänge, ritualisierte Trauer und die permanente Beschwörung des Leidens wurden zu tragenden Säulen der Identität der Islamischen Republik.
Parallel dazu begann eine systematische Marginalisierung der nichtislamischen Geschichte und Kultur Irans. Nationale Feste, alte Bräuche und lebensbejahende Rituale wurden verdrängt oder ideologisch entwertet, während schiitische Traditionen zur alleinigen kulturellen Norm erhoben wurden. Aus dieser kulturellen Enteignung erwuchs Widerstand. Ein Widerstand, der zunächst kulturell war, dann gesellschaftlich und schließlich politisch wurde.
In diesem Kontext ist die bewusste Rückkehr zu nationalen Ritualen wie dem Tschahar Schanbeh Suri oder der Yalda Nacht zu verstehen. Sie ist der Versuch, kollektive Freude, Gemeinschaft und Leben gegen eine staatlich verordnete Kultur der Trauer und des Todes zu behaupten. Auch das Klatschen, Tanzen und Feiern am Grab eines jung verstorbenen Menschen gehört zu diesen alten iranischen Traditionen. Es ist kein Ausdruck von Respektlosigkeit, sondern eine bewusste Form des Gedenkens an ein Leben, das nicht gelebt werden durfte.
Was in iranischen Hochzeiten gefeiert wird, wird hier symbolisch auf den Friedhof getragen. Frauen klatschen, tanzen, mahlen Zucker. Diese Freude ist zutiefst tragisch, doch sie verweigert sich der Fixierung auf den Tod. Sie richtet den Blick auf das unvollendete Leben, auf eine Zukunft, die gewaltsam abgeschnitten wurde.

Die Wiederkehr dieses Rituals in der jüngsten Protestbewegung ist eng mit dem Testament von Majidreza Rahnavard verbunden, einem revolutionären Kämpfer der Bewegung „Frau Leben Freiheit“, der vom Regime hingerichtet wurde. In seinem Vermächtnis forderte er dazu auf, keinen Koran zu lesen, kein Totengebet zu sprechen, sondern zu tanzen und sich zu freuen. Die Ausstrahlung dieser Worte im Staatsfernsehen entfaltete eine Wirkung, die weit über den Einzelfall hinausging und sich tief in das kollektive Bewusstsein der iranischen Gesellschaft einschrieb.
Rahnavard steht exemplarisch für eine größere historische Bewegung, die als eine große iranische Renaissance verstanden werden kann. Viele verorten ihren ersten sichtbaren Ausdruck im Jahr 2016, als sich am Welttag des Kyros Zehntausende Iraner spontan am Grabmal von Kyros dem Großen versammelten. Kyros steht im kollektiven Bewusstsein für Rechtsstaatlichkeit, politische Mäßigung und religiöse Toleranz, für eine Erinnerung an Ordnung und Würde jenseits religiöser Herrschaft.
Diese Renaissance, die zunächst im Denken und Fühlen der Menschen Gestalt annahm, soll nun unter der Führung von Kronprinz Reza Pahlavi von Millionen Iranern auf den Straßen in politische Realität übersetzt werden. Der gegenwärtige Konflikt wird von vielen nicht mehr als bloßer Machtkampf verstanden, sondern als Auseinandersetzung von zivilisatorischer Tragweite. Es ist daher kein Zufall, dass manche Iraner ihn mit der Schlacht von al Qadisiyya vergleichen, jenem historischen Einschnitt, der einst das Ende des vorislamischen Iran markierte.










