Straße und konstituierende Macht
Deutsch
Die Straßen des gegenwärtigen Iran mögen oberflächlich den Eindruck eines Konflikts zwischen konkurrierenden politischen Gruppen vermitteln. Doch der entscheidende Punkt ist: Angesichts der unterschiedlichen politischen Handlungsfähigkeit dieser Gruppen hat es von Anfang an keinen echten Wettbewerb gegeben, der einen „Sieger“ hervorbringen könnte.
Die selbsternannten pro-demokratischen und republikanischen Kritiker des Regimes bilden im Wesentlichen ein diffuses Ensemble von Akteuren der öffentlichen Sphäre. Sie tragen generalisierte moralische Rahmenwerke und gesellschaftliche Imaginationen. Sie können ein gleichgesinntes Publikum zu Fragen von Gerechtigkeit, Freiheit, Demokratie und der Bedeutung des „Volkes“ adressieren und werden durch Feedback und Austausch zu Kommentatoren konkurrierender Wahrheitsregime.
Indes sind diese Akteure aufgrund ihrer kritischen Funktion grundsätzlich unfähig, eine organische Verbindung zwischen nationalem Willen und nationaler Imagination herzustellen. Mit anderen Worten: Sie mögen über normative Macht verfügen, doch ihnen fehlt konstituierende Macht. Dies erklärt das Schweigen oder die fehlende Beteiligung prominenter Vertreter dieser Kreise an Bewegungen, die sich auf den Straßen manifestieren: Für viele ist dies ein Moment schockierender Erkenntnis, dass sie eine solche fundamentale Macht nicht besitzen und nie besessen haben. Dass sie dies für möglich hielten, resultierte weitgehend aus der Abwesenheit einer genuinen politischen Sphäre im Iran.
Konstituierende Macht entsteht nur nach einer radikalen Verdichtung der nationalen Imagination innerhalb eines kollektiven Geistes. Der dichteste Punkt dieser Verdichtung ist die Figur des nationalen Führers. Wenn Menschen ihren Führer auf der Straße anrufen, beschwören sie in gewisser Weise die konstituierende Macht, die eine neue politische Epoche bereits in ihrer kollektiven Vorstellung vorwegnimmt und nur darauf wartet, im Moment der Revolution realisiert zu werden.
Die Unfähigkeit dieser Kritiker, einen Führer aus ihren eigenen Reihen zu wählen, oder überhaupt das Konzept der Führung anzuerkennen, beruht auf ihrer Unfähigkeit, ein solches Bild zu erzeugen. Dieses Bild entsteht nicht ausschließlich durch intellektuelle Arbeit oder aktivistisches Engagement; es wird ebenso durch eigentümliche affektive Bindungen geformt, die in undurchsichtigen, halbmythischen und halbritualisierten historischen Prozessen entstehen. In diesem Sinne unterscheidet sich die Macht der Worte in den Vorträgen aufklärerischer Aktivisten über die Ungerechtigkeiten der Tyrannei grundlegend von der quasi-magischen Wirksamkeit des einfachen Satzes: „Das Licht siegt über die Dunkelheit.“
von: Sima Dehghani *
English
Street and Constituent Power
The streets of contemporary Iran may superficially appear to stage a confrontation between competing political factions. Yet the critical insight is that, given the differential political agency of these groups, there has never been a genuine contest capable of producing a “winner.”
The self-proclaimed pro-democracy and republican critics of the regime constitute, in essence, a dispersed ensemble of public sphere actors. They carry generalized moral frameworks and imaginaries. They can address sympathetic audiences on justice, freedom, democracy, and the importance of “the people,” and, through feedback and engagement, they may become interpreters of competing regimes of truth.
However, by virtue of their critical function, these actors are fundamentally incapable of generating an organic synthesis between national will and national imagination. In other words, they may wield normative power, yet they lack constituent power. This explains the silence or lack of alignment of prominent figures within these circles with movements manifesting in the streets: for many, it is a moment of shocking realization that they do not, and have never, possessed such foundational power. Their previous assumptions of possessing it stemmed largely from the absence of a genuine political sphere in Iran.
Constituent power emerges only after a radical condensation of national imagination within a collective spirit. The densest node of this condensation is the figure of the national leader. When people call out to their leader in the streets, they are, in effect, invoking the constituent power that has prefigured a new political epoch within their collective imagination, awaiting material realization at the revolutionary moment.
The inability of these critics to elect a leader from among themselves, or to recognize the concept of leadership at all, stems from their incapacity to generate such an image. This image does not arise solely from intellectual labor or activist struggle; it is also born of the peculiar affective bonds formed through opaque, semi-mythical, and semi-ritualistic historical processes. In this sense, the power of words in the lectures of Enlightenment activists on the injustices of tyranny is fundamentally distinct from the quasi-magical potency contained in the simple phrase: “Light prevails over darkness.”
By: Sima Dehghani *









