Rohstoffreichtum und Entwicklungsparadox
Viele Länder verfügen über erhebliche natürliche Ressourcen, doch dieser Reichtum allein garantiert keinen wirtschaftlichen Fortschritt. Iran etwa zählt mit geschätzten rund 27,3 Billionen USD an natürlichen Ressourcen zu den fünf reichsten Ländern der Welt. Trotzdem zeigt sich immer wieder, dass die bloße Existenz von Öl-, Gas- oder Mineralvorkommen nicht automatisch zu höherem Lebensstandard führt. Vielmehr erwiesen sich seit den 1980er-Jahren zahlreiche Studien dahingehend, dass in ressourcenreichen Staaten paradoxerweise oft geringeres Wachstum und niedrige Pro-Kopf-Einkommen auftreten ein Phänomen, das als Ressourcenfluch bekannt ist.
Der Ressourcenfluch besagt, dass übermäßiges Vertrauen auf Rohstoffexporte eine volkswirtschaftliche Einbahnstraße sein kann. Entscheidend ist dabei nicht der Rohstoffreichtum an sich, sondern die Effizienz der Institutionen und die Art der Governance. Transparente, rechenschaftspflichtige Regierungen und leistungsfähige Behörden können Rohstoffeinnahmen in Infrastruktur, Bildung und Innovation investieren. Fehlt diese gute Regierungsführung, führt ein zu großer Rohstoffanteil im Export zu Abhängigkeiten und einseitigen Wirtschaftsstrukturen. Die Folgen sind dann oftmals sinkende Produktivität und geringe Diversifikation. Wie die Forschung betont, sind Gute Regierungsführung und Investitionen in Humankapital Schlüssel, um dem Ressourcenfluch zu entkommen: Bildung und technischer Fortschritt steigern Arbeitsproduktivität und schaffen nachhaltiges Wachstum. Ohne diese Faktoren können selbst enorme Rohstoffvorräte zum Fluch werden, wenn Korruption, Machtmissbrauch oder marode Planung den Reichtum abfangen.
Ein anschauliches Beispiel bietet die ehemalige Sowjetunion. Sie war lange Zeit der weltweit größte Produzent von Erdöl, Erdgas, Kohle und Energie insgesamt: 1989 erzeugte die UdSSR etwa 21 % der Weltenergie. Dennoch stagnierte die Wirtschaft schon in den 1970/80er-Jahren. Während das sowjetische BIP pro Kopf 1960 noch mit dem von Industriestaaten wie Japan vergleichbar war, verschlechterte sich die Lage dramatisch bis Ende der 1980er-Jahre. Die Zentralplanwirtschaft war nicht flexibel genug, auf technische Revolutionen zu reagieren, und die Staatsführung verlagerte die Ökonomie einseitig auf die Ausbeutung von Öl und Gas. Der daraus resultierende Produktionsüberschuss ließ zwar Devisen zufließen, führte aber nicht zu höherem Konsum oder Wohlstand der Bevölkerung. Im Gegenteil: Fehlende Anreize für Produktivitätssteigerung und Konsumkredite, wie sie etwa marktwirtschaftliche Länder kennen, sowie eine allgegenwärtige Planungsbürokratie sorgten für Engpässe und niedrige Reallöhne. Das Beispiel der UdSSR unterstreicht, dass Rohstoffvorkommen ohne effiziente Nutzung und wirtschaftliche Freiheit nicht automatisch zu Wohlstand führen.
Im Gegensatz dazu zeigen Länder wie Schweden und Schweiz, wie man auch ohne Rohstoffreichtum hohen Lebensstandard erreicht. Beide Länder verfügen über kaum große Ölvorkommen oder andere leicht geldwerte Bodenschätze. Trotzdem zählen sie zu den reichsten Nationen: Die Schweiz rangiert oft unter den Top-10 der Welt beim Pro-Kopf-BIP (2022 ca. 92.000 USD) und profitiert von einer diversifizierten Volkswirtschaft, starken Dienstleistungs- und Hightech-Sektoren. Öffentliche Finanzen sind durch moderne Instrumente wie die Schuldenbremse geordnet, die Staatsverschuldung ist niedrig und das Steuersystem international wettbewerbsfähig.
Auch Schweden besticht durch hohe Wettbewerbsfähigkeit. Im IMD-Ranking 2025 belegte Schweden den 8. Platz weltweit, was auf ein innovatives, exportorientiertes System mit starken IT- und Industriebetrieben hinweist. Die schwedische Wirtschaftspolitik legt viel Wert auf Offenheit, freihandelspolitische Ausrichtung und leistungsfähige Bildungssysteme. Dies spiegelt sich in den Einkommen wider: Im Jahr 2024 lag der durchschnittliche Jahreslohn in der Schweiz bei etwa 113.000 USD (104.000 EUR), in Schweden bei rund 51.000 USD (47.000 EUR). Diese hohen Löhne und Sozialleistungen stützen sich nicht auf Rohstoffe, sondern auf hohe Produktivität, starke Sozialpartnerschaften und breites Humankapital. Zusammenfassend verdeutlichen Schweden und die Schweiz: Eine moderne, diversifizierte Wirtschaft mit starken Institutionen, hoher Ausbildung und sozialem Konsens kann auch ohne große Rohstoffexporte außergewöhnlichen Wohlstand garantieren.
Die Erfahrung lehrt: Rohstoffe sind kein Automatismus für Wohlstand. Vielmehr hängt der wirtschaftliche Erfolg entscheidend vom Zusammenspiel aus guter Regierungsführung, kluger Investitionspolitik und sozialem Ausgleich ab. Nur so kann ein rohstoffreiches Land seine natürlichen Vorteile entfalten, und rohstoffarme Länder können aufholen und sogar vorauslegen.
Quellen:
- https://www.visualcapitalist.com/the-worlds-top-resource-giants-ranked-by-wealth-per-capita/
- https://worldostats.com/country-stats/richest-countries-by-natural-resources/
- https://www.investopedia.com/articles/markets-economy/090516/10-countries-most-natural-resources.asp
- https://sachwert-magazin.de/2025/10/27/rohstoffreichste-laender-welt-2025/https://www.destatis.de/DE/Themen/Laender-Regionen/Internationales/Thema/Tabellen/Basistabelle_BNE.html
- https://tradingeconomics.com/switzerland/gross-average-monthly-wages









